Über Vandana Shiva

Lebenslauf

Vandana Shiva ist promovierte Quantenphysikerin, Umweltschützerin, Feministin und Bürgerrechtlerin, Vorstandsmitglied im Weltzukunftsrat und Trägerin des Alternativen Nobelpreises und vieles mehr. Die charismatische Inderin Vandana Shiva wurde am 5. November 1952 in dem versteckten Tal Dehradun am Fuß des Himalayas geboren.

Der Grundstein für ihr ökologisches und soziales Engagement liegt bereits in ihrer Kindheit. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater entschließen sich aus Liebe zur Natur, den staatlichen Dienst sie den Schul-, er den Militärdienst aufzugeben, um als Bauern und Waldhüter zu arbeiten. Von ihren Eltern lernt Vandana Shiva, die Natur zu lieben und zu achten. Schon früh erfährt sie aber auch, welche gravierenden Auswirkungen die »wirtschaftliche Erschließung« auf die Umwelt ihrer Umgebung hat. Bereits als junge Schülerin der »St Mary’s School« in Nainital und später der »Convent of Jesus and Mary« in Dehradun hat Vandana einen Traum: Sie will Wissenschaftlerin werden, wie ihr großes Vorbild Albert Einstein. Die Lehrerinnen ihrer Schule, zum Teil deutsche Nonnen, sind alles andere als begeistert und versuchen sie davon abzuhalten, doch ohne Erfolg.

Ausbildung und beruflicher Werdegang

Shiva schließt das Physikstudium an der »University of Western Ontario« in Kanada mit der Promotion über die Quantentheorie »Hidden Variables and Non-locality in Quantum Theory« ab. Statt einer möglichen wissenschaftlichen Karriere in den USA entscheidet sie sich dafür, nach Indien zurückzugehen. Dort widmet sie sich der interdisziplinären Forschung von Technik, Umwelt und Politik am »Indian Institute of Science« und am »Indian Institute of Management« in Bangalore.

Mit ihrem Fachwissen unterstützt sie die Bevölkerung im Kampf gegen die Rodung großer Gebiete, und sie engagiert sich in den 1970er Jahren unter anderem in der ersten indischen Umweltvereinigung, der Chipko-Bewegung. Die Bauernfrauen aus dem hohen Himalaya, die meist weder lesen noch schreiben können, lehren sie durch ihren Kampf, erneut den Wert der Natur zu erkennen und die Dringlichkeit, diese verteidigen zu müssen. Shiva nutzt für ihre Unterstützung vor allem ihr Fachwissen, um die mit internationalen Wirtschaftsorganisationen und staatlichen Stellen wenig vertrauten Einheimischen vor Bevormundung zu schützen. Auch scheint mit diesem Kampf der Grundstein für ihre feministische Arbeit gelegt.

Aus ökologischer Perspektive spielen Frauen eine entscheidende Rolle, insbesondere beim Kampf um Biodiversität und gegen Biopatente. Shiva kritisiert, dass Frauen und Natur durch die industrielle Revolution auf eine Rolle als bloße Lieferanten von menschlichem und natürlichem Rohmaterial reduziert worden seien.

Gründungen: Institut RFSTE & Navdanya

1982 gründet sie – in dem ehemaligen Kuhstall ihrer Mutter – das unabhängige Institut »The Research Foundation for Science Technology and Ecology« in Dehradun, das sie heute noch leitet. Ihre Umwelt- und Sozial-Studien entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und sozialen Organisationen und zeugen von Unabhängigkeit und Professionalität.

Neben ihrem sozialen Engagement berät sie auch die Welternährungsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen und ist Vorstandsmitglied im Weltzukunftsrat.

Ihr Einsatz für selbstbestimmte Entwicklungswege, der als indische Graswurzel-Initiative begann, führt sie in internationale Industrie- und Handelskreise. Heute gilt Vandana Shiva als eine der wichtigsten globalen Aktivisten für Biodiversität und ökologische Landwirtschaft, und als Globalisierungskritikerin spielt sie im Kampf gegen Gentechnik eine zentrale Rolle. Das Leben ist in seiner ganzen Verschiedenheit und Andersartigkeit für Shiva ein zu schützendes Gut. Im Jahr 1991 gründet sie deshalb die nationale Bewegung »Navdanya«, die sich dem Schutz der Biodiversität und pluralistischer Lebensformen widmet. Mit ihren Büchern »The Violence of Green Revolution« 1993 und »Monocultures of the Mind« ebenfalls 1993, setzt sie in der Landwirtschaft einen Paradigmenwechsel zu Nachhaltigkeit, Diversität und fairem Handel in Gang. Im selben Jahr wird Shiva für ihre Pionierstellung im Kampf gegen einen dominanten Weltmarkt, der sich auf Kosten der Menschen und der Umwelt immer weiter verbreitet, der Alternative Nobelpreis verliehen.

Right Livelihood Award 1993

Die PreisträgerInnen des Right Livelihood Award 1993. Bild: rightlivelihood.org

Ökofeminismus

Vandana Shiva räumt ihrer feministischen Arbeit einen großen Stellenwert ein. Mit den Werken wie »Staying Alive: Women, Ecology and Survival in India« 1988 und »Ecofeminism« von 1993, das in Zusammenarbeit mit Maria Mies entstand, richtet sie die Aufmerksamkeit der Welt auf die herausragende Rolle der Frauen in Entwicklungsländern und rückt Frauen und Ökologie in das Zentrum des modernen Diskurses um Entwicklungshilfe. Sie gründet den Zweig »Genderforschung« am »International Centre for Mountain Development« (ICIMOD) in Kathmandu und die internationale Bewegung »Diverse Women for Diversity«. Dabei versucht sie alle Bereiche ihres politischen und sozialen Kampfes miteinander zu verbinden.

 

Dekolonialisierung

Als einen wichtigen Wandel unserer Zeit sieht Shiva die Überwindung und Befreiung von drei Formen des Kolonialismus. Zuerst steht die Kolonialisierung der Natur, die zur ökologischen Krise geführt hat, zweitens die Kolonialisierung der Frauen, die das weibliche Geschlecht als minderwertig ansieht und zum Kampf der Geschlechter und zu Gewalt gegen Frauen geführt hat. Und drittens die Kolonialisierung der nicht-westlichen Kulturen, die zum »Dritte-Welt-Problem« geführt hat und sich in den Debatten im Nord-Süd-Konflikt ausdrückt. Alle diese drei Probleme können, davon ist Vandana Shiva überzeugt, nur gemeinsam gelöst werden.

In weiteren Publikationen wie »Biopiracy: The Plunder of Nature and Knowledge« 1997, »Stolen Harvest – The Hijacking of the Global Food Supply« 1999 und »Water Wars« 2001 macht Shiva unermüdlich auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen Folgen der Globalisierung aufmerksam.

Erfolge auf nationaler und internationaler Ebene

Erfolgreich bekämpft sie die Biopiraterie großer Saatgutkonzerne und unterstützt internationale Kampagnen gegen genetisch veränderte Lebensmittel. Sie dient außerdem als Expertin in Gesetzfindungsgremien wie beispielsweise für IPR (Intellectual Property Rights).

2004 eröffnet Vandana Shiva in Zusammenarbeit mit dem »Schumacher College« in Großbritannien die internationale Hochschule »Bija Vidyapeeth« für nachhaltiges Leben.

Wegen ihres weltweiten Engagements für soziale Gerechtigkeit und ihren aussagekräftigen Forschungsarbeiten wird Vandana Shiva weltweit an Universitäten gerufen (wie der University of Oslo, dem Schumacher College, dem Mt. Holyoke College in den U.S.A, der York University in Canada und viele mehr).

Bija Vidyapeeth – Earth University; Quelle: navdanyainternational.org

2006/2007 war Shiva Mitglied des Organisationskomitees des Monsanto-Tribunals in Den Haag, bei dem fünf Richter zu dem Schluss kamen, dass Monsantos Handlungen einen negativen Einfluss auf fundamentale Menschenrechte haben. Auch nach der Übernahme durch Bayer geht der Kampf gegen Glyphosat und für die Opfer der Pestizidindustrie weiter. Der Verein »Coordination gegen BAYER-Gefahren« organisierte 2018 den Marsch gegen Monsanto, Bayer & BASF in Düsseldorf sowie eine große Protestaktion vor der Bayer-Hauptversammlung in Bonn, wo Vandana Shiva als Hauptrednerin sprach.

Schier unendlich scheint Vandana Shivas Einsatz für eine gerechtere Welt zu sein. Ihre Unabhängigkeit und Professionalität ebnen ihr den Zugang als Beraterin sowohl für die indische als auch für ausländische Regierungen, für NGOs und internationale Organisationen.

Neben all ihren internationalen Erfolgen und Preisen verliert sie jedoch nicht die eigentlichen Ziele aus den Augen. Ihre ganze Arbeit zielt auf ein harmonisches Leben aller Lebewesen mit der Umwelt ab, dazu gehören der Respekt füreinander und die Beibehaltung der eigenen Souveränität.

Erddemokratie & Agrarökologie

Shivas Verständnis von Demokratie (»Earth Democracy«) geht weit über die herrschende westliche Definition hinaus: Hier werden demokratische Rechte für alle Lebensformen auf dem Planeten eingefordert, statt nur für Menschen. Ihre Bewegung fordert neben Wahlrechten neue Freiheiten für die Gestaltung der eigenen Lebensweise und will die Souveränität der Bevölkerung über die Wasserqualität, die Nahrungsmittel und die Qualität der Kleidung zurückgewinnen.

Sie beruft sich auf die universelle Gültigkeit ökologischer Naturgesetze und stellt die Gültigkeit internationaler Handelsabkommen prinzipiell infrage. Der zentralisierten Macht der Konzerne setzt sie dezentrale Strukturen auf der Basis friedlicher Koexistenz entgegen und baut auf die Werte des Mitgefühls, der gegenseitigen Hilfe und des Teilens.

Alles, woran ich arbeite, entspringt meinem Innersten, meiner Liebe zum Leben und meiner Liebe zur Freiheit, was auch immer es sein mag: ob es der Schutz der Wälder oder des Saatguts ist oder das Zusammensein mit meinen Schwestern, den Bäuerinnen, deren Land und Boden es zu verteidigen gilt. Es geht darum, das Leben im Geist der Liebe zu verteidigen und die Freiheit im Geist des Widerstands gegen die Unfreiheit.

Vandana Shiva in einem Interview, April 2021

Foto: Kartikey Shiva

Auszeichnungen und Preise (Auswahl)

  • 1993: Order of the Golden Arc seiner Königlichen Hoheit Prinz Bernhard der Niederlande für herausragende Verdienste um Naturschutz und Ökologie
  • 1993: Global 500 Roll of Honour der UNEP (Umweltprogramm der Vereinten Nationen) für herausragende Verdienste um Umweltschutz und Ökologie
  • 1993: Earth Day International Award von Earth Day International für ihren engagierten Einsatz für den Erhalt des Planeten, den sie durch ihr Handeln, ihre Führungsrolle und ihre Vorbildfunktion für den Rest der Welt unter Beweis gestellt hat
  • 1993: Right Livelihood Award (»Alternativer Nobelpreis«) für ihre bahnbrechenden Erkenntnisse über die sozialen und ökologischen Kosten des vorherrschenden Entwicklungsprozesses und ihre Fähigkeit, mit und für die Menschen und Gemeinschaften vor Ort zu arbeiten, um Alternativen zu formulieren und umzusetzen
  • 1993: VIDA SANA International Award, Spanien, für ihren Beitrag zu Ökologie und Ernährungssicherheit
  • 1995: Pride of the Doon Award vom Doon Citizen Council, Dehra Dun, Indien, in Anerkennung für herausragende Verdienste für die Region
  • 1997: The Golden Plant Award (International Award of Ecology), Dänemark, für außergewöhnliche Verdienste für Ökologie und Umwelt
  • 1997: Alfonso Comin Award, Barcelona, Spanien, für persönliche und wissenschaftliche Verdienste für die ökologische und feministische Bewegung in Indien
  • 1998: Commemorative Medal by Her Royal Highness Princess Maha Chakri Sirindhorn of Thailand anlässlich der Celebration of the 18th World Food Day, veranstaltet vom FAO Regional Office for Asia and the Pacific, Bangkok
  • 2001: HORIZON 3000 Award, Österreich, in Anerkennung der Verdienste um die Verteidigung der Menschenrechte und die Bewahrung des Friedens sowie für die Vision einer weltweit gerechten Entwicklung im dritten Jahrtausend
  • 2001: Von AsiaWeek unter die Top 5 der »wichtigsten Menschen in Asien« gewählt
  • 2002: Das Time-Magazine zeichnete sie als eine von fünf »Heroes for the Green Century« für ihr Engagement gegen die Privatisierung von Saatgut aus
  • 2003: Pellegrino Artusi Preis, Italien für ihr langjähriges Engagement für die Umwelt und den Schutz der lokalen Kulturpflanzen und der biologischen Vielfalt
  • 2007: Blue Planet Award – Verleihung durch die Stiftung Ethik und Ökonomie
  • 2008: Lennon Ono Grant for Peace
  • 2009: Save the World Award
  • 2010: Sydney-Friedenspreis der Sydney Peace Foundation der Universität Sydney, Australien
  • 2010: Citizen of the Next Century – Auszeichnung von Future-ish
  • 2010: vom Forbes Magazine als eine der »Sieben mächtigsten Frauen« ausgezeichnet
  • 2011: Calgary Peace Prize vom Konsortium für Peace Studies an der University of Calgary
  • 2011: Thomas Merton Award
  • 2012: Das Glas der Vernunft – Preis der Kasseler Bürgerschaft
  • 2012:  Bayerischer Naturschutzpreis des BUND Naturschutz in Bayern e.V.
  • 2012: Fukuoka Prize der Stadt Fukuoka in Japan zur Würdigung von Einzelpersonen oder Organisationen bei der Erhaltung oder Schaffung der asiatischen Kultur
  • 2016: MIDORI Prize for Biodiversity
  • 2018: Sanctuary Wildlife Award der Sanctuary Nature Foundation
  • 2021: Hans-Carl-von-Carlowitz-Nachhaltigkeitspreis der Carlowitz-Gesellschaft, Chemnitz

Ehrendoktorwürden

Université de Paris (Frankreich), University of Western Ontario (Kanada), Universität Oslo (Norwegen), Connecticut College (U.S.A.), University of Toronto (Kanada), University of Victoria, (Kanada), University of Guelph (Kanada), Università di Calabria (Italien)

Funktionen & Mitarbeit (Auswahl)

  • Vorsitzende des International Forum on Globalization (IFG), zusammen mit Jerry Mander, Edward Goldsmith, Ralph Nader und Jeremy Rifkin
  • Vorsitzende der International Commission on the Future of Food and Agriculture, die gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten der Region Toskana gegründet wurde
  • Mitglied des Club of Rome
  • Mitglied der Internationalen Organisation für eine Partizipatorische Gesellschaft (IOPS)
  • Mitglied des World Future Council und Gründungsmitglied des World Future Council India
  • Mitbegründerin von Diverse Women for Diversity
  • Mitglied des Organisationskomitees des International Monsanto Tribunal, zusammen mit Hans Rudolf Herren, Ronnie Cummins, André Leu u.v.a.
  • Mitglied des Lenkungsausschusses von Indian People’s Campaign Against the WTO
  • Mitglied des wissenschaftlichen Ausschusses von Präsident Zapatero in Spanien
  • Mitarbeit in der Expertengruppe von Prinz Charles für nachhaltige Landwirtschaft
  • Beraterin der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO)
  • Zudem berät sie Regierungen auf der ganzen Welt und arbeitet mit der Regierung von Bhutan zusammen, um Bhutan zu 100 % ökologisch zu machen.

Ihre Mission

Titelbild der Autobiografie von Vandana Shiva “Terra Viva

»In den letzten drei Jahrzehnten habe ich versucht, die Veränderung zu sein, die ich sehen möchte. Als ich feststellte, dass die voherrschende Wissenschaft und Technologie den Interessen der Mächtigen dienen, verließ ich die akademische Welt, um die ›Research Foundation for Science, Technology and Ecology‹ (RFSTE) zu gründen, eine partizipative Forschungsorganisation von öffentlichem Interesse. Als ich feststellte, dass globale Unternehmen Saatgut, Nutzpflanzen und Lebensformen patentieren wollten, gründete ich Navdanya, um Biodiversität zu schützen, die Rechte der Bauern zu verteidigen und den ökologischen Landbau zu fördern.

Die Reise von Navdanya/RFSTE in den letzten zwei Jahrzehnten hat dazu geführt, Märkte für Landwirte zu schaffen und schmackhafte, gesunde und qualitativ hochwertige Lebensmittel für Verbraucher zu fördern. Wir haben Saatgut mit Küche und Biodiversität mit Gastronomie verbunden. Und wir haben uns mit der Slow Food Bewegung zusammengetan, um die Qualität und kulturelle Vielfalt unserer Lebensmittel zu feiern.

Meine Reise auf dem Weg zur ökologischen Nachhaltigkeit begann mit der Chipko-Bewegung in den 1970er Jahren, als Frauen in der Region des Himalaya Wälder schützten, indem sie Bäume umarmten.

Ökologie und Feminismus gehören für mich untrennbar zusammen. Und Diverse Women for Diversity ist ein Ausdruck der Kombination von Frauenrechten und Naturrechten und feiert unsere kulturelle und biologische Vielfalt.

Die Verteidigung der Rechte der Natur und der Rechte der Menschen sind für mich in der Erddemokratie zusammengekommen – der Demokratie allen Lebens auf der Erde, einer lebendigen Demokratie, die eine lebendige Kultur und eine lebendige Wirtschaft unterstützt.«

Englischer Originaltext: Navdanya.org

Doppelseite aus dem Buch Wer ernährt die Welt wirklich?

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